Die letzten Heimkehrer aus Russland kamen im Herbst / Winter 1955/56 im Grenzbahnhof Herleshausen an. Über 10 Jahre nach Kriegsende kehrten die letzten ehemaligen deutsche Soldaten aus den Arbeitslagern in Sibirien heim.



Der Bahnhof Herleshausen, an der Bahnstrecke Erfurt – Bebra, war für die Heimkehrer das Tor zur Freiheit, in Herleshausen betraten sie erstmals den freien Teil von Europa. Viele Ehefrauen mit Kindern oder Eltern warteten in diesen Wochen in Herleshausen auf die Transporte aus Russland.


Zuvor war der Bundeskanzler, Dr. Adenauer, in Moskau. In zähen Verhandlungen mit den Russen erreichte er die Freilassung der letzten Gefangenen aus dem 2. Weltkrieg. Die Nachricht löste in den Medien, vielmehr bei den wartenden Angehörigen große Freude aus. Freude, die bei der Begrüßung der Heimkehrer in Herleshausen offenbart wurde. Auf der späteren Busfahrt über Eschwege in das Lager Friedland bei Göttingen schlug den Heimkehrern die Freude der Bewohner entgegen, die die Busse mehrfach stoppten, den Heimkehrern kleine Geschenke, Süßigkeiten und Blumen reichten.


Herleshausen war in dieser Zeit der Nabel von Deutschland. Presse, Radio und Wochenschauen konzentrierten sich auf den Bahnhof in dem Grenzdorf. Natürlich gab es noch keine Handys, Faxgeräte. Die Post stellte in der Nähe des Bahnhofes, der ansonsten ja stillgelegt war, zwei Telefonzellen auf. Hier konnten die Reporter ihre Redaktionen schnell erreichen, wartende Familien daheim anrufen. In den Stunden nach Eintreffen der Transporte waren die Telefonzellen natürlich völlig unzureichend.


In den 50er Jahren gab es wenige offizielle Telefongespräche aus der Ostzone, die für die Herleshäuser Polizeistation bestimmt waren. Dazu gehörte aber die Anmeldung der einzelnen Heimkehrertransporte und die wahrscheinliche Ankunftszeit. Die Transporte wurden von der Ostseite auch per Fernschreiben tags zuvor an das Eschweger Landratsamt avisiert. Ob die Fernschreiben präzise Angaben über die Anzahl der Personen und die Ankunftszeiten enthielten ist mir nicht bekannt. Mein Vater erhielt jedoch die Anrufe aus dem Osten jeweils bei Verlassen des Zuges von dem Grenzbahnhof in Frankfurt/Oder. Die Ost-Beamten meldeten sich grußlos mit der Bezeichnung ihrer Dienststelle, grußlos wurden die Gespräche auch beendet. Mein Vater telefonierte dann mit vielen Stellen, so mussten die Transporte von Herleshausen nach Friedland organisiert werden usw. Obligatorisch war der Anruf bei dem Roten Kreuz in Herleshausen, der damaligen Bereitschaftsührerin, Frau Riebe. Das Rote Kreuz Herleshausen war schnell und zuverlässig. Man baute rechtzeitig im Bahnhof die Verpflegung für die Ankömmlinge auf, rüstete sich für die Betreuung und medizinische Hilfe. Mit der Information des Roten Kreuzes war auch schlagartig die Bevölkerung aktiviert, auch die Schule und Kirchenvertreter.


Ein Legationsrat des Auswärtigen Amtes aus Bonn war in dieser Zeit für den Empfang der Heimkehrer in Herleshausen zuständig. Er meldete sich bei meinem Vater jeweils an, wohnte selbst in dem Hotel St. Georg in Altefeld/Herleshausen. Mein Vater informierte ihn jeweils rechtzeitig über den zu erwartenden Transport.


Kaum war die Kunde über den anstehenden Transport weiter gegeben, so wollten die Pressevertreter mehr wissen. Unser Telefon stand nicht still. Eine Sekretärin gab es natürlich nicht, waren die Polizeibeamten unterwegs, so hatte die Familie Telefondienst. „Aus welchem Lager kommt der Transport. wie viele Heimkehrer sind angekündigt?“, so lauteten die Fragen der Reporter. Herleshausen und die Gasthäuser waren überlaufen mit Medienvertretern und Angehörigen, die auf die Heimkehrer warteten. Ein Teil der Presse- und Kameraleute reiste unmittelbar an.


Viele Herleshäuser, die irgendwie Zeit hatten, kamen zur Begrüßung an den Bahnhof. Die Transporte kamen meistens in den frühen Morgenstunden an. Die Lehrer gaben uns Schülern frei, damit wir auch am Bahnhof stehen durften. Wir standen neben dem Bahnhof mit Blickrichtung Osten und warteten auf den Transportzug aus Russland, Sibirien –aus dem Lager Workuta und anderen. Namen von Lagern, die in Stalins Gulag für große menschliche Tragödien verantwortlich waren. Dann rollte der Zug von einer Dampflok gezogen ein. Die Heimkehrer hatten die großen Ladetüren aufgeschoben, alle wollten schon einen ersten Blick auf die Freiheit, dort in Herleshausen, bevor der Zug hielt. An manchen Waggons war ein Transparent von den Heimkehrern angebracht, die Aufschrift: „ das verdanken wir Dr. Adenauer“. Sie winkten, man hörte auch manchen erhaltenen Jubel, die Wartenden winkten zurück. Die Heimkehrer waren in russischen Wattejacken gekleidet und warteten jetzt auf den letzten Schritt in die Freiheit. Im Bahnhof selbst regelte inzwischen der Legationsrat die Transportpapiere mit den begleitenden russischen Offizieren. Nun erfolgte der Durchlass der Ankömmlinge vom Bahnsteig durch den Bahnhof auf den Vorplatz. Die Angehörigen standen natürlich ganz vorne, und hofften auf das Wiedersehen. Das war vielfach herzergreifend, die Freude von Eltern über den Sohn, der Ehefrau über den heimkehrenden Mann und Vater. Kinder, die älter als 10 Jahre waren, sahen erstmals den Vater. Die Begrüßung, zumeist durch den Eschweger Landrat Kubitz, war nur kurz, keine Ansprache. Dafür wirkten die Mitarbeiter vom Roten Kreuz, versorgten die Heimkehrer mit Essen, Getränken und Süßigkeiten. Längst nicht alle Heimkehrer wurden von Angehörigen dort erwartet, so kamen viele mit der Bevölkerung ins Gespräch.Die Emotionen waren riesig groß. Die Telefonzellen waren schnell belegt, mancher Heimkehrer hatte die alte Telefonnummer von daheim im Kopf.


Ich erinnere mich an einen Transport bei dem ich einen Heimkehrer zum telefonieren mit in unser Elternhaus nahm, welches in der Nähe des Bahnhofes stand. Es gab noch keine Durchwahl, er wurde vom Amtsfräulein verbunden. Nach dem „Hallo“ und seinem Vornamen trat Ruhe ein, er konnte nicht mehr sprechen und begann tief zu schluchzen. Wir hörten natürlich nicht die andere Seite. Dort war seine Mutter, wie er uns nach dem Telefongespräch unter Tränen erklärte. Die Mutter konnte wohl auch nur wenige Worte bei dem Telefongespräch finden.


Nach ca. zwei Empfangsstunden in Herleshausen starteten die Omnibusse in das 80 km entfernte Friedland. In allen Orten, die die Omnibusse durchfuhren, säumte die Bevölkerung die Straße. Vielfach mußten die Fahrzeuge anhalten, ein herzliches Willkommen, Blumen und kleine Geschenke wurden in die Busse gereicht.


Bodo Ortmeier

Dezember 2014

GrenzBahnhof für Zeitgeschichte

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