Am 16.01.1956 traf der letzte Spätheimkehrertransport aus der Sowjetunion im

Grenzbahnhof Herleshausen / Krs. Eschwege ein.



Ich wohnte zu der Zeit mit meiner Familie in Herleshausen. Ich war Schüler, damals 13 Jahre. Mein Vater, Ewald Ortmeier, war zu der Zeit Leiter der Polizeistation Herleshausen. Die Grenzübergangsstelle Herleshausen/Wartha war eine der vier Übergangsstellen von der Bundesrepublik in die Ostzone.


Die Eisenbahnstrecke zwischen Eisenach (Ost) und Bebra (West) führte in der Gemarkung Herleshausen ca. 5 km über westdeutsches Gebiet, bevor die Strecke wieder in den Osten ging, um hinter Gerstungen (Ost) erneut westdeutsches Gebiet zu erreichen. Der Bahnkörper im Herleshäuser Gebiet und die Bahnanlagen, wie auch der Bahnhof Herleshausen, gehörten der Reichsbahn, standen also unter ostdeutscher Hoheit. Vergleichbar mit der Situation der S-Bahn im damaligen Berlin (West).


Es war der 16.01.1956 als der letzte Spätheimkehrertransport aus der Sowjetunion den freien Teil von Deutschland erreichte. Insgesamt hatte die Sowjetunion in dem 2. Weltkrieg  2.389.560 (!) deutsche Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten in Gefangenschaft genommen. Das Schicksal derer, die in Arbeitslagern und auf dem Weg dahin umkamen, ist eine unmessbare Tragödie dieses Krieges gewesen. Wobei die Niederlage bei Stalingrad in Eis und Schnee, damit der Untergang der 6. Armee, quasi der Anfang vom Ende war.


Nach den Verhandlungen, die der Bundeskanzler Dr. Adenauer im Jahr 1955 in Moskau führte, wurden die letzten 10.000 Soldaten und Offiziere, die im Gulag (Bezeichnung für das Strafsystem der Sowjetunion) 12 Jahre und länger saßen, von den Sowjets frei gegeben und anschließend in einzelnen Transporten über den Grenzbahnhof Herleshausen in die Freiheit entlassen. Mit Eisenbahnzügen und in Güterwaggons wurden die Spätheimkehrer aus den Lagern in Westsibirien und Zentralrussland entlassen. Je Transport waren es bis 1.000 Heimkehrer, die Herleshausen erreichten.


So kamen die Transporte hintereinander ab Spätherbst 1955 nach Herleshausen. Für die Winter- und Weihnachtszeit war offensichtlich kein Transport zu erwarten, dazu gab es wohl auch Absprachen. So war auch der zuständige Legationsrat vom Auswärtigen Amt in Bonn, der zuvor alle Transporte von den Sowjets übernahm, am 15.01.1956 noch im Winterurlaub. In den Monaten zuvor wohnte der hohe Diplomat mit Mercedes und Fahrer im nahen Hotel „St. Georg“ in Altefeld. Ein großer Mercedes war damals schon etwas besonderes auf dem flachen Land.


Am 15.01.1956, abends, erhielt mein Vater einen Telefonanruf von der ostzonalen Volkspolizei in Wartha. Das geschah von Ostseite natürlich grußlos, man meldete sich als Dienststelle und gab zur Kenntnis, das ein Heimkehrertransport aus der Sowjetunion am Abend den Bahnhof Frankfurt/Oder Richtung Herleshausen auf der Bahnstrecke verlässt.


Jetzt wurde endlos telefoniert um die Organisation am Bahnhof Herleshausen zu regeln. Die Versorgung durch die hilfsbereiten Frauen vom Herleshäuser Roten Kreuz, Ärzte, ebenso Busse für den Transport in das Durchgangslager Friedland. Und, der Legationsrat war nicht zu erreichen. Auch der Vorgesetzte meines Vaters war nur telefonisch greifbar. So veranlasste er, das mein Vater die Übernahme des Transportes von den Sowjets regeln sollte. So mußte ein Hessischer Polizeimeister im Mittleren Dienst den Legationsrat aus Bonn ersetzen.


Immer dann, wenn ein Heimkehrertransport Herleshausen erreichte, läuteten die Glocken der Kirche, hatten wir Schüler frei und waren, wie die Bevölkerung, am Bahnhof zum Empfang. Am 16.01.1956, früh morgens, fuhr der Dampfzug mit dem Transport in den Bahnhof ein. Die Waggontüren waren von den Heimkehrern schon aufgeschoben. Die begleitenden sowjetischen Offiziere verließen zunächst den Zug und betraten das Bahnhofsbüro. Nun ging mein Vater, natürlich in Uniform, ebenfalls in das Bahnhofsbüro und grüßte durch Handzeichen an der Mütze, was die Offiziere erwiderten. Mein Vater war gebürtiger Ostwestfale und sprach kein russisch, einer der Offiziere allerdings sehr gut deutsch. Er nannte Name und Dienstgrad, sowie Dienststelle, was von den Sowjets notiert wurde. Bevor er dann für die Bundesrepublik unterzeichnete, prüfte er den Text der Papiere, die auch in deutsch ausgestellt waren. Mit der üblichen Ehrenbezeichnung ging man auseinander, anschließend die tatsächliche Zahl der Heimkehrer zu überprüfen.


Die Heimkehrer hatten nun auch den Zug verlassen und kamen durch das kleine Bahnhofsgebäude auf den Bahnhofsvorplatz. Hier wurden sie versorgt, erhielten Brotzeit, Obst und Süßigkeiten, es gab auch noch Reste vom Weihnachtsgebäck für die dankbaren Seelen. Und, wir drängten uns um die Männer, die vielfach sprachlos waren, so von der Heimkehr und Freiheit betroffen. In der Regel war auch der Eschweger Landrat Kubitz zur Begrüßung angereist, ob er bei diesem Empfang dabei war, ist mir nicht in Erinnerung.


Später starteten sie in Bussen zur Fahrt Richtung Entlassungslager Friedland. Die Bevölkerung säumte in den Ortschaften und Städten den Weg der Heimkehrer. So mußten die Busse immer wieder anhalten. Die Begrüßung war überall herzlich – und man reichte kleine Geschenke und Blumen in die Busse.


Im Nachtrag zu diesem Bericht fand ich noch Notizen meines Vaters zu diesem Transport, in dem die akkuraten Daten festgehalten wurden:


- Der Zug traf am 16.01.1956 um 07.05 auf dem Bahnhof Herleshausen ein.


- Der Zug bestand aus 12 Güterwagen und 10 Personenwagen hinter der Lok.


- Der Transport kam aus dem Lager Swerdlowsk in Westsibirien, dem heutigen                                                             Jekatharinenburg ( die Stadt, in der die letzte Zarenfamilie umkam).


- Insgesamt waren es 474 Heimkehrer, davon drei Frauen und zwei Kinder. 60 Heimkehrer waren behindert, auch Heimkehrer, die auf Holzpritschen liegend ankamen. Dazu dienten einige der genannten Personenwaggons.


Der erste Personenwaggon war ausschließlich den sowjetischen Offizieren vorbehalten. Der erste Güterwaggon war mit bewaffneten sowjetischen Wachsoldaten besetzt. Diese hatten ihre Familien dabei. Dieser Waggon war nur mit Stroh ausgelegt.


Die Behinderten Heimkehrer in diesem Transport waren auch angekündigt, so war eine große Anzahl an DRK-Krankenwagen nach Herleshausen zum Weitertransport geordert. Die Heimkehrer verließen den Bahnhofsvorplatz von Herleshausen um 09.45 Uhr in 12 Omnibussen und den Krankenwagen in Richtung Lager Friedland.


Bodo Ortmeier, Eschwege-Albungen

GrenzBahnhof für Zeitgeschichte

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